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Andreas Löhrer   
literarische Übersetzungen    
aktualisiert am 23.5.2018     

Rosa Montero: Leidenschaften

EINLEITUNG

Die Liebe Lieben

Die Rede von der Liebe ist eine Banalität, ein Gemeinplatz, einer der abgedroschensten Topoi auf der Erde. Seit Beginn aller Zeiten haben Philosophen und Künstler die Angelegenheit mit obsessiver Beharrlichkeit behandelt, und vielleicht gab es nie ein menschliches Wesen, das ihr nicht eine gute Anzahl von Gedanken widmete, sobald es in das entsprechende Alter gekommen war. Wir alle glauben, über die Liebe Bescheid zu wissen, wir alle glauben, etwas von der Liebe zu verstehen. Und doch bleibt sie weiterhin ein Mysterium, obskur, verwirrend und unergründlich.
Die Schwierigkeiten beginnen schon beim Versuch, das Wort zu definieren. Wenn wir uns, wie ich in diesem Text, auf die Liebe im eigentlichen Sinne beziehen, sprechen wir im allgemeinen nicht von der Liebe zu Kindern und Freunden, sondern von der sentimentalen oder erotischen Liebe zwischen zwei Menschen. Diese Lieben sind leidenschaftlich, und von Leidenschaften handelt dieses Buch. Es sind konkrete Leidenschaften, leuchtende oder schreckliche Geschichten von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten, von Paaren aus dem Altertum oder Zeitgenossen, die den Himmel und die Hölle gestreift haben.
Doch zu sagen, daß wir über die Leidenschaft sprechen, klärt nicht viel: Eigentlich haben wir nicht mehr getan, als das Chaos benannt. Was definiert die Leidenschaft, was ist das Besondere, ihr Wesen, an dem wir sie erkennen? Vielleicht ein Anteil ungezügelter Sexualität? Nein, denn es gibt auch platonische Leidenschaften, die galante Liebe der Troubadoure oder die Beatrice von Dante. Man könnte eher sagen, daß das Wesen der Leidenschaft die Entäußerung ist, die sie erzeugt; der Verliebte tritt aus sich heraus und verliert sich in dem anderen, oder besser gesagt, in dem, wie er sich den anderen vorstellt. Denn die Leidenschaft, und dies ist ihr zweites Merkmal, ist eine Illusion, die im Kontakt mit der Wirklichkeit beschädigt wird. Vielleicht scheint die Leidenschaft deshalb, und das ist die dritte Bedingung, immer ihr Scheitern, die Unmöglichkeit ihrer Vollendung zu fordern. Wie sagte der Schweizer Essayist Denis de Rougemont in Die Liebe und das Abendland: "Die glückliche Liebe hat keine Geschichte. Nur die bedrohte Liebe taugt für Romane." Natürlich: Das Glück muß sich stets außerhalb des Buchs bewähren, wenn das Märchen zu Ende ist. Und Rougemont fügte hinzu, daß die Dichter die Liebe besingen, als ob es sich um das wirkliche Leben handelte, "aber dieses wirkliche Leben ist das unmögliche Leben".
Platon behauptete, daß Eros, der Gott der Liebe, eine zweifache Natur besaß: als Sohn von Aphrodite Pandemos, der Göttin des sinnlichen Begehrens, oder von Aphrodite Urania, der Göttin der himmlischen Liebe. Diese Aphrodite war eine resolute Gottheit; sie besaß so unermeßliche Kräfte, daß sie, als sie wegen einer Lappalie mit Zeus aneinandergeraten war, sich an ihm zu rächen vermochte; sie zwang ihn, Nymphen und sterblichen Frauen nachzustellen und auf diese Weise seine Ehefrau Hera zu vernachlässigen. So waren also schon die Klassiker davon überzeugt, daß die entrückende Kraft der Liebe fähig ist, sogar den leibhaftigen König aller Götter lächerlich zu machen.
Die Liebe wird in allen Kulturen mit denselben Symbolen dargestellt: mit Bögen, Pfeilen, verbundenen Augen, Fackeln, mit denen die Herzen der Sterblichen entflammt werden. Amor ist für gewöhnlich nackt und ein Kind, denn die leidenschaftliche Liebe ist ein Gefühl, das sich nicht verbergen läßt, und bleibt sich selbst gleich. Die Leidenschaft lernt nie dazu: Sie ist immer identisch, ewig jung, unversehrt und unbesonnen. "Aber wie ist es möglich, daß ich schon wieder diese Dummheiten mache", staunt und klagt unser Verstand, wenn wir stundenlang auf einen Telefonanruf warten, der uns nie erreicht. "Ich lerne einfach nicht dazu", gesteht sich der verletzte Liebhaber. Und er hat recht, denn die Liebe bleibt für die Erfahrung unempfänglich.
Nach der orphischen Kosmogonie war am Anfang von allem nur Nacht. Diese unendliche Nacht legte ein Ei, und aus ihm schlüpfte die Liebe; und aus den beiden zerbrochenen Hälften der Schale wurden der Himmel und die Erde geschaffen. Folglich ist die Liebe das Zentrum des Universums, der Kern der Einheit, bevor das Ei zerbrach. Dies ist der Anfang der Wiedergeburt und des Lebens, eine kosmische Kraft, die alles in sich vereint. Doch freilich ist sie eine so gewaltige Macht, daß sie bei den elenden Sterblichen verheerende Wirkung haben kann. Wie zum Beispiel der Trojanische Krieg. Auch diesen Konflikt begann Aphrodite. Ich sagte bereits, daß sie eine Göttin war, vor der man sich in acht nehmen mußte. Aphrodite bewirkte, daß Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos, und die schöne Helena, die Gattin von Menelaos, des Königs von Sparta, sich unsterblich ineinander verliebten. Nachdem Helena geraubt wurde, zog sich der Trojanische Krieg über zehn Jahre hin, bis der Sieger Menelaos die Stadt einnahm und seine Frau mit nackten Brüsten vorfand, so schön, daß er ihr sofort verzieh und wieder mit ihr sehr glücklich zusammenlebte. Zurück blieb ein zerstörtes Troja, ein mit dem Blut berühmter Leichen (Hektor, Achilles, Patrokles, Paris selbst ...) getränktes Schlachtfeld und ein episches Andenken, das später in den Gesängen der Ilias Form annahm. Und diese ganze Ungeheuerlichkeit infolge einer bloßen Gefühlswallung.

aus: Rosa Montero: Leidenschaften. Paare, die Geschichte schrieben.
Europa Verlag, Hamburg/Wien 2000
mit freundlicher Genehmigung des Europa-Verlags

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