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Andreas Löhrer   
literarische Übersetzungen    
aktualisiert am 6.1.2018     

Madeleine Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit

Nach Herweghs Aufbruch zur Hochzeitsreise unterbrach ein Liebesabenteuer, vielleicht das wichtigste in Bakunins Leben, die Monotonie seines Daseins. Er hatte in Dresden einen italienischen Sänger kennengelernt, einen emigrierten Republikaner namens Pescantini, dessen Frau Johanna, die aus der Provinz Riga stammte, von ihrem verstorbenen ersten Mann viel geerbt hatte. Das Paar hatte gerade ein Gut in Nyon in der Nähe von Genf gekauft, am Seeufer auf der schönen Halbinsel Promenthoux. Nachdem sie Bakunin getroffen hatten, luden sie ihn ein, den Sommer bei ihnen zu verbringen.

Bakunin hatte sich natürlich bei Pescantini Geld geborgt, indem er ihn sogar anflehte, ihm bei seinen finanziellen Angelegenheiten zu helfen. Schon im Frühling verbringt er mit dem Paar zehn Tage auf der Petersinsel im Bieler See, wo Rousseau 1765 zwei Monate gelebt hatte. "Ich legte [meine] Sorgen vorübergehend beiseite und genoß diesen reizenden Ort und diese charmanten Menschen", schreibt Michail an Pawel. "Ich war glücklich wie ein Kind, ich wanderte, ich sang, ich kletterte in den Felsen herum, bewunderte die Natur, übersetzte Schelling, las Italienisch, hing meinen Träumen nach und baute Luftschlösser, während ich auf Dich wartete, Pawel [...]."

Pescantini, der in Dresden als ein Italiener von "großzügiger, intelligenter und künstlerischer Natur" betrachtet wurde, verwandelt sich von dem Moment an, da Bakunin sich für seine Frau interessiert, in einen Tyrannen, der ihrer nicht würdig ist. Der tapfere Ritter zu werden, der Johanna aus ihrer schändlichen Sklaverei befreit, was für ein mitreißendes Vorhaben für einen beschäftigungslosen Bakunin!

Wieder in Zürich erlitt Bakunin den Schock der harten Realität: die vergessenen Gläubiger. Seine finanzielle Lage war katastrophal. Die zwei Rubel, mit denen er in Zürich ankam, gab er sofort einem Bettler, um, wie er Herwegh sagte, sich "völlig von den materiellen Zwängen zu befreien". An Turgenjews Großzügigkeit gewöhnt, fand er in Ruge einen strengeren Gläubiger, denn das Verbot von dessen Zeitung entzog ihm seine geringen Einkünfte. Bakunin brachte zahlreiche Entschuldigungen und Versprechen vor. Er warte auf das Geld seines Vaters. Turgenjew würde zahlen. Er gab demütig seine "zügellose" Art zu, aber nun erschien ihm zum ersten Mal in seinem Leben die Ökonomie "eine Grundvoraussetzung meiner persönlichen Würde".

Da er nicht wußte, wie er seine Schulden zurückzahlen sollte, hatte er im März einen Wechsel über 2.500 Taler auf Turgenjew ausgestellt, seine Schulden beliefen sich auf 2.000. (Der Taler, die deutsche Silberwährung, war ungefähr 3,70 Schweizer Franken wert.) Die Bank weigerte sich zu zahlen. Was konnte er anderes tun, als Nikolai, Pawel und seine Schwestern anzuflehen? Sein Vater sollte den Teil des Erbes verkaufen, der ihm zustand, man sollte seine Tanten um Hilfe bitten. Er nahm die Mühe auf sich, seine Schulden aufzulisten, die 10.000 Rubel ausmachten. Er unterschied diejenigen, die seine "Ehre angreifen und [ihn] ins Gefängnis bringen" könnten (zwei Drittel), von den anderen, um die er sich nicht .zu sorgen schien und die vielleicht nie eingelöst würden. Wenn seine Eltern seine Gläubiger bezahlten und einen kleinen Vorschuß gewährten, um ein oder zwei Jahre zu leben, würde er keinen Pfennig mehr verlangen.

Bakunins Bitte kam zu ungelegener Zeit, denn seine Familie befand sich in finanziellen Schwierigkeiten. Also bat Tatjana, die immer zu den unangenehmsten Schritten bereit war, um ihrem Bruder zu helfen, Turgenjew, ihm ,1.000 Rubel zu leihen, die von Michails Erbanteil zurückgezahlt werden sollten. Turgenjew, in diesem Moment wegen des Streits mit seiner Mutter in Geldverlegenheit, hatte gerade 1.000 Rubel geschickt; dennoch schickte er kurze Zeit später weitere 1.200 Rubel, aber begleitet von einem wenig freundlichen Brief. Tatjana, die von "diesem gefühllosen und verachtenden Ton" verletzt war, machte ihm Vorwürfe. Iwan antwortete nicht und ihre schöne Liebesromanze endete in einer unerfreulichen Geldangelegenheit.

Während sich alle bemühen, ihm zu Hilfe zu kommen, fragt sich Bakunin, ob das Gefängnis wirklich ehrenrührig sei. Er schreibt an Pawel, daß er, anstatt seine Ehre zu schmälern, sie in den Augen seiner Gläubiger wiederherstellen könne, indem er ihnen beweise, daß er nicht die Absicht habe, sie zu betrügen: "Unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Gläubigern und uns selbst besteht darin, alle ehrenwerten und zur Verfügung stehenden Mittel zu ergreifen, um unsere Schulden zu bezahlen. Aber dies bedeutet nicht, daß wir in Verzweiflung verfallen müssen, falls unsere Bemühungen scheitern sollten. Glaube mir, nichts wird mich dazu bringen, mein Selbstvertrauen und mein Vertrauen in die Zukunft zu verlieren." Aber soll er sich ins Gefängnis werfen lassen oder Hungers sterben? "Meine Lage ist so schwer zu ertragen, daß ich, wenn ich weniger Vertrauen hätte, mich wirklich umbringen würde [...]. Nur blieben dann meine Schulden unbezahlt, und dies wäre wirklich ehrenrührig [...]. Ich bin ein Sklave, ich habe nicht einmal mehr das Recht, über mein Leben zu verfugen." Denkt er "an die eisernen Kiefer der Wirklichkeit", die Belinski ein anderes Mal erwähnt hat? Es bleibt noch eine in seinen Augen ungewöhnlich erscheinende Möglichkeit, nämlich zu arbeiten: "Ich werde Arbeiter werden [...], ich werde mein Brot durch meine Arbeit verdienen [...], ich werde im Schweiße meines Angesichts arbeiten."

Aber welche Arbeit sollte er suchen, bei seiner Unerfahrenheit? Seine Freunde finden natürlich, daß er schreiben könnte. Er weigert sich, so wie er sich später weigert, seine Memoiren zu schreiben, was ihm aus der Affäre geholfen hätte. Für ihn muß "seine Gedanken und seine Überzeugungen auszubreiten, [...] eine heilige Arbeit sein und würde man ihr nicht den Glanz nehmen, wenn man sie auf ein Mittel zum Überleben reduziert?" Außerdem hält Bakunin sich für nicht bekannt genug, und er bräuchte mindestens ein Jahr, um ein Buch über Rußland zu schreiben. Während dieser Zeit, so erklärt er, "müßte ich auf Kosten von jemand anderem leben", und mit einer erstaunlichen Unbedachtsarnkeit fügt er hinzu: "Dies ist für mich unmöglich." Ruge, sein Gläubiger, an den dieses Bekenntnis gerichtet ist, traut seinen Augen nicht. Bakunin fährt fort: "Es ist nicht die Frage, ob dieser Stolz gut oder schlecht ist, denn ich bin fest entschlossen, nie mehr von jemandem finanziell abhängig zu sein. Ja, lieber Freund, dieser Stolz auf meine grenzenlose Unabhängigkeit ist für mich die wesentliche Voraussetzung, die conditio sine qua non meiner persönlichen Würde und diese ist das Einzige, was ich aus meinem Schiffbruch gerettet habe. Ich muß sie von allem Makel, vom geringsten Anzeichen von Schmutz rein halten." Schließlich weigert sich Bakunin, aus Not über Rußland zu schreiben, "dies stünde in Widerspruch zu meiner Liebe zu meinem Land". Später hat er nicht diese Skrupel, aber da schreibt er für die Revolution und nicht für Geld.

Ohne einen Rubel, ohne genaue Pläne bleibt er davon überzeugt, daß das, was er will, und nur das, Gottes Willen entspricht: "Der Ursprung meiner Entscheidung ist eigen. Ich nehme sie als innere Notwendigkeit meines Wesens." Da er von keiner Seite Hilfe bekommt, erklärt er: "Ich werde noch einen Monat warten, vielleicht zwei. Dann werde ich meine Kleider verkaufen; alles, was mir als Mitglied der gebildeten Klasse gehört, außer den Büchern und den kleinen Gegenständen persönlichen Werts, und werde ein richtiger Proletarier werden, ein Handwerker [...]. In diesem Fall werde ich all meinen Freunden, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl, Lebewohl sagen [...] und ich werde mich völlig und ausnahmslos mit einer religiösen Leidenschaft dieser neuen Welt überlassen, der ich künftig angehören werde. [...] Und ich werde mein eigenes persönliches Glück im Gefühl meiner Liebe und im Bewußtsein meiner Opferbereitschaft und meiner makellosen Würde suchen." So schreibt er an Ruge am 11. März 1843.

Unbesorgt wie immer erwartet Bakunin, Ruge werde damit einverstanden sein, die Bezahlung seiner Schulden bis zum Sommer zu verschieben und ihm einen Vorschuß von nicht nur 2.000, sondern 2.500 Taler zu gewähren, wovon er bis dahin leben könne. Im Sommer würde der Reiseverkehr mit Rußland wieder eingesetzt haben und seine Eltern würden sicherlich jemanden finden, dem sie Geld für ihn anvertrauen könnten. Tatsächlich schickt Bakunins Vater ihm endlich 1.800 Rubel und so wird wenigstens Ruge ausbezahlt. Wenn Bakunin auch scheinbar keine großen Bemühungen unternommen hat, sich in einen Proletarier zu verwandeln, "der sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdient", so trifft er schließlich einen Vertreter dieser neuen Welt, mit der er noch nie in Berührung gekommen ist: den deutschen kommunistischen Arbeiter Wilhe1m Weitling. Weitling hat gerade ein Buch veröffentlicht: Garantien der Harmonie und Freiheit, das Bakunin begeistert. In einer Artikelserie im Schweizerischen Republikaner kommentiert er das Werk. Er ist zunächst gegen die kommunistische Gesellschaft, der Weitling seinen zweiten Teil widmet, denn "es wäre keine freie Gesellschaft, es wäre keine wirkliche lebendige Gesellschaft von freien Menschen, sondern durchaus ein Regime von unerträglicher Unterdrückung, eine Herde durch Zwang zusammengebrachter Tiere, die nur die materielle Befriedigung im Auge hätte". Hingegen stimmt Bakunin dem ersten Teil zu, welcher die derzeitige Gesellschaft kritisiert. Er schreibt am 19. Januar 1843 an Ruge: "Man spürt, daß er von einer praktischen Kenntnis der gegenwärtigen Welt aus geschrieben wurde [...], daß Weitling genau das äußert, was er wirklich empfindet, was er denkt und was er als Proletarier denken muß. Es ist außerordentlich interessant, man kann sogar sagen, das interessanteste, was es in unseren Tagen gibt [...]. Ich will diesen Weitling unbedingt kennenlernen."

Dieses Treffen stellt das wichtigste Ereignis von Bakunins Aufenthalt in Zürich dar. Er wird in seiner Beichte schreiben: "Ich freute mich, [...] unmittelbar etwas über den Kommunismus zu hören, der eben die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken begann. Weitling gefiel mir. Er war ungebildet, aber ich fand bei ihm viel natürlichen Scharfsinn, eine rasche Auffassungsgabe, starke Energie, vor allem aber wilden Fanatismus, edlen Stolz und den Glauben an die Befreiung und Zukunft der unterdrückten Masse. [...] Er kam ziemlich oft zu mir, setzte mir seine Theorie auseinander und erzählte mir viel von den französischen Kommunisten, vom Leben der Arbeiter überhaupt, von ihrer Mühsal, von ihren Hoffnungen und Unterhaltungen [...]. Seine Theorien bekämpfte ich, die Tatsachen hingegen hörte ich mit großem Interesse an [...]."

Weitling übte in dem Maße Einfluß auf Bakunin aus, in dem er mit seinen Zielen und seinen eigenen Ideen übereinstimmte. Bakunin billigte sein Ziel, die Zerstörung der gegenwärtigen Gesellschaft, und das Mittel, dorthin zu gelangen, das Volk. "Nur das Volk hat die Kühnheit, die Waffe der Zerstörung zu Wege zu bringen", schreibt Weitling; und Bakunin: "[...] unter diesem Begriff [Volk] verstehe ich die Mehrheit, die ungeheure Masse der Armen und Unterdrückten." Eine Auffassung, der er treu bleiben wird. 1872, in Staatlichkeit und Anarchie, als er sich bezüglich Italiens gegen Marx wendet, wird er das Lumpenproletariat erwähnen: "[...] denn in ihm, und nur in ihm, nicht in jener verbürgerlichten Schicht der Arbeitermasse, ist der ganze Geist und die ganze Kraft der zukünftigen sozialen Revolution."

Christus, Luther, die wirklichen Revolutionäre kamen aus dem Volk. "Schöpferisch tätig sein, wirklich etwas schaffen kann man nur aus einer wirklichen magnetischen Berührung mit dem Volke", schreibt er an Ruge.

Bakunin schreibt für Ruge diesen Satz Weitlings ab, das Credo der anarchistischen Doktrin, die er selbst einige Jahre später entwickeln wird: "Eine vollkommene Gesellschaft hat keine Regierung, sondern nur eine Verwaltung, keine Gesetze, sondern nur Verpflichtungen, keine Sanktionen, sondern Mittel, sich zu bessern." Wenn Bakunins Liebe zu den großen Männern ihn auch manchmal dazu getrieben hat, für das noch rückständige Rußland eine Revolution "von oben" in Betracht zu ziehen, so ist es doch die Revolution von unten, die des Volkes, die er wünscht, und Weitling hat seine Überzeugung sicher angeregt und bestärkt.

Dieser kommunistische Handwerker ist im richtigen Moment in Bakunins Leben getreten. Nach der langen intellektuellen Reifung dank seiner Lektüre, dann dank der Atmosphäre von Berlin und Dresden und seinem Kontakt mit der Linken geht Bakunin unter Weitlings Einfluß von der Haltung eines abstrakten Philosophen zu der des praktischen Revolutionärs über. Seine Entwicklung ist also vollendet. Er hat das Ziel gefunden, dem er all seine Kräfte widmen kann, das Ziel, das der Begeisterung und der Bedürfnisse seines leidenschaftlichen Wesens würdig ist: die Revolution. Ohne Weitlings Theorie gutzuheißen, bewundert er dessen Kommunismus, denn er enthält "eine Wärme und eine Flamme [...], die niemals werden verlöschen können".

Während er darauf wartet, selbst zu entflammen, verbringt Bakunin einen Sommer in der Nähe von Nyon bei den Pescantinis und beschließt, mit seinen beiden Freunden Reichel und Becker zu Fuß durch die Berge des Oberlands nach Bern zurückzukehren. Jeder führt 24 Stunden lang die Expedition auf seine Weise an. Mit Becker durchleben sie einen Tag wie Arme, mit Reichel wie Bürger und mit Bakunin wie vornehme Herren. Am nächsten Tag haben sie keinen Pfennig mehr, aber Bakunin findet einen Weg, sich von ihrem Führer 100 Franken zu borgen. In Bern erwartet ihn eine böse Überraschung: Nach der reinen Luft und der Erhabenheit der Berge lauern ihm die "eisernen Kiefer" der III. Abteilung des Zaren an den Ufern der Aare auf.

Die Beamten Seiner Majestät waren geduldig und konnten ihre Opfer dort überraschen, wo sie sich, wie der Gärtner von Samarkand, in Sicherheit wähnten. Weitling hatte eine Erzählung geschrieben, das Evangelium des armen Sünders, in dem Jesus, der uneheliche Sohn des armen Mädchens Maria, als erster Rebell und erster Kommunist auftritt. Eine Geschichte, die als subversiv und schockierend beurteilt wurde und ein guter Vorwand war, um Weitling zu sechs Monaten Gefängnis und eventuell zur anschließenden Ausweisung zu verurteilen. Während der Durchsuchung wurden die Manuskripte einer Kommission unter dem Vorsitz des konservativen Juristen Bluntschli übergeben, der beauftragt war, einen Bericht über kommunistische Aktivitäten in der Schweiz zu erstellen. Die Bundesbehörden schenkten dem Namen Bakunin, der in Weitlings Adreßbuch stand, keine Beachtung, aber die russische Gesandtschaft in Bern, die aufmerksam das Schicksal ihrer Bürger beobachtete, alarmierte St. Petersburg wegen des gefährlichen Umgangs dieses jungen Aristokraten.

Der Gouverneur von Twer wurde mit einer Untersuchung über die Familie Bakunin beauftragt und erklärte, daß es sich um sehr begabte und intelligente junge Leute handelte, die sich ausschließlich mit deutscher Philosophie beschäftigten. Er wies auch auf die Rolle des ältesten Sohns hin, der "aus dem Ausland seine Brüder und Schwestern zum Widerstand gegen ihre Eltern aufstachelte". Im November 1843 erhielt Alexander Bakunin in Prjamuchino einen Verweis, in dem er ersucht wurde, seinen Sohn zur Rückkehr in die Heimat zu veranlassen und ihm die finanzielle Unterstützung zu versagen. Bakunins Vater antwortete, daß er die Ideen seines Sohnes mißbillige und ihm seit Mai kein Geld mehr geschickt habe, daß er aber nicht in der Lage sei, ihn zur Rückkehr zu zwingen. Der Außenminister schickte an alle russischen Botschaften und Gesandtschaften ein Rundschreiben, in dem er die sofortige Rückführung von Michail Bakunin anordnete.

Die Verurteilung von Weitling, die Ausweisung Herweghs und der durch den Artikel Jules Elysards verursachte Wirbel beunruhigten Bakunin und er entschied sich, in Begleitung Reicheis nach Belgien zu gehen. Er begab sich mit seinem Paß in die russische Gesandtschaft, entweder aus unglaublicher Naivität, oder weil er vorgeladen worden war. Herr von Struwe teilte ihm die Anweisungen aus St. Petersburg mit: Bern verlassen und nach Rußland zurückkehren. Michail unterschrieb eine Quittung, in der er bestätigte, die Anweisung des Ministers empfangen zu haben. Herr von Struwe dachte angesichts einer so folgsamen Haltung keinen Augenblick daran, daß dieser gutmütige Riese mit dem treuherzigen Blick nicht gehorchen würde, und noch weniger, daß er eine Gefahr für die Gesellschaft darstellte. Bakunin entschied sich klugerweise, Bern zu verlassen, und zusammen mit Reichel brach er nach Brüssel auf.

Während dieser Zeit setzte die russische Bürokratie ihre Arbeit fort. Im Dezember 1844 unterzeichnete der Zar ein Dekret, das den ehemaligen Leutnant Bakunin zum Verlust seines Adelstitels, zur Verbannung und zu lebenslanger Zwangsarbeit in Sibirien verurteilte, außerdem zur Einziehung seiner Eigentumsrechte. Michails Entscheidung, nicht in ein Land zurückzukehren, hatte eine nicht rückgängig zu machende Konsequenz: Prjamuchino war ihm für immer verboten.

aus: Madeleine Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit. Edition Nautilus, Hamburg 1999
mit freundlicher Genehmigung der Edition Nautilus

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